Machst du eigendlich noch Triathlon?

Diese Frage musste ich in letzter Zeit öfter hören. Nicht zu Unrecht, habe ich doch diesen Sommer wenig von mir hören lassen, weder mit Rennergebnissen noch mit Homepageeinträgen oder Facebookpostings. Wie es dazukam, es mir jetzt geht und auch wie es weitergeht, möchte ich in diesem Bloq schreiben:
Im Frühjahr hatte ich zwei Ironman 70.3 Rennen geplant, um Punkte für die Hawaiiqualifikation zu sammeln. Die drei Wochen zwischen dem 70.3 San Juan und dem 70.3 St Croix wollte ich auf der Karibikinsel St Lucia bei Freunden verbringen, um Flugreisen, Klimawechsel und Zeitunterschiede zu vermeiden.
Nach dem dritten Platz in San Juan (Leistung mässig, Platzierung & Punkte im Soll) ging es also nach St Lucia.
Auf einer einzigen Strasse mit viel Verkehr und ohne Seitenstreifen herrschte ein lebhaftes Chaos. Dennoch gibt es dort einige ambitionierte Triathleten und Radfahrer, die hier Tag für Tag trainieren. Nach 15 sturz- und unfallfreien Jahren schien mein Schutzengel sich auf der Karibikinsel eine Auszeit zu gönnen.
Meine Frau erzählte mir später, ich habe am verschlossenen Tor des Hauses unserer Freunde gerufen, habe das verbogene Rennrrad mit demontiertem Vorderrad in der Hand gehalten, von Weitem schon sichtbar blutüberströmt und angeschwollen im Gesicht. Mein Trikot und die Hose waren zerrissen, neben mir habe ein grosser, kräftiger Einheimischer gestanden. Es muss wohl ausgesehen haben, wie nach einer heftigen Schlägerei, Fakt war etwas Anderes:
Der Einheimische hatte mich aufgelesen, mich glücklicherweise zum Haus meiner Freunde zurück gebracht, nachdem ein Autofahrer mich beim Linksabbigen übersehen hatte. Ich hatte an einer grossen, übersichtlichen Kreuzung geradeaus fahren wollen,als dicht neben mir ein weisser Wagen auftauchte. Ich erinnere mich noch daran, dass ich dachte, dass es eng werden würde und dann war da auch schon dIe Berührung mit dem Blech und blitzartig die Erkenntnis: Dieses Auto will nicht nur überholen sondern nach links abbiegen. Und direkt danach kommt die Lücke. Die lange Lücke meines Gedächtnisses, die mich noch einige Zeit beschäftigen sollte.
Problem ist, ich kann niemand fragen. Der Inselsamariter berichtete, den Unfall von weiter hinten mit seinem Wagen kommend, gesehen zu haben. Genau beschreiben, was passiert war, konnte er aber nicht. Ich war alleine mit meinem Black out. Ein furchtbares Gefühl, in Bewusstlosigkeit gewesen zu sein, während mein Leben in solche Gefahr kam.
20140422_152212
Auf den zweiten Blick hatte ich massive Prellungen und Abschürfungen im Gesicht, an Knien und der rechten Schulter und das Jochbein fraglich gebrochen. Man konnte es nicht tasten wegen der dicken Schwellung. Ansonsten schien nichts gebrochen oder schwerer verletzt zu sein. Zum Glück war meine Frau mit auf der Reise, und als Ärztin ersparte sie mir einen Klinkaufenthalt.
Nach diesem ersten grossen Schock und einer nahezu schlaflosen Nacht mit dröhnendem Kopf und saftenden Wunden registrierte ich, dass ich ausser einer Gehirnerschütterung scheinbar nicht viel abbekommen hatte. Die äusseren Wunden verheilten sehr schnell, und die Schwellung im Gesicht ging zügig zurück. Nach drei Tagen konnte ich schon wieder eine Stunde auf der Rolle fahren und zwanzig Minuten laufen, wobei mein Gesicht bei jedem Schritt wie ein Pudding wackelte.\r\nAlso, Schwein gehabt und in einer Woche wieder ganz der Alte? Denkste…
20140425_162749
Die Nächte waren unruhig wegen der am Laken festklebenden Wunden, aber körperlich ging es jeden Tag besser und da stand noch das Rennen auf St. Croix an. Ein absoluter Klassiker und ein Rennen, von dem ich schon geträumt habe, bevor ich Profi wurde. So trainierte ich weiter, täglich wieder mehr und intensiver und nach einer Woche stand ein Lauf mit Fahrtspiel auf dem Programm. Bei dieser Einheit lief ich an Hunden vorbei, die auf einer Wiese zu spielten. Als ich auf ihre Höhe kam, stürzten sie sich plötzlich auf mich und bellten wild während sie mich bedrohten. Ich musste anhalten, und nachdem ich sie mit Brüllen und Steinen vertrieben hatte, zitterten meine Knie, und der Unfall, die Angst, die körperlichen Schmerzen und auch das Pech, das ich gehabt hatte, kamen mit einem Schlag zurück. Heulend sass ich am Strassenrand und versuchte mich wieder aufzurappeln. Nach einer Weile gab ich mir einen Ruck und lief wieder los. Nach ein paar Schritten spürte ich einen Stich in der Wade- Zerrung! Auch wenn das immer passieren kann, war es das erste Signal, dass der Unfall mich noch länger beschäftigen würde als zunächst gedacht und gehofft.
Trotzdem versuchte ich weiterhin das Rennen auf St Croix so gut wie möglich vorzubereiten. Nach einem Testlauf am Vortag des Rennens war klar, dass ich den Wettkampf wegen der Zerrung schweren Herzens absagen musste.
Unverrichteter Dinge ging es einige Tage später nach Deutschland zurück.
Trotz nahezu komplett verheilter äusserer Wunden hatte ich weiterhin grosse Probleme: Es gelang mir abends kaum einzuschlafen und jeden Morgen wachte ich sehr früh auf (meistens gegen 5 Uhr). Ich war zwar abends todmüde, aber sobald ich im Bett lag, hellwach. Der Puls war gefühlt dauererhöht und ging bei dem kleinsten Schreck, zum Beispiel einem Stolpern oder Ähnlichem durch die Decke. Mein Körper befand sich in einem Ausnahmezustand.
Zuerst habe ich gedacht, dass es besser werden würde, wenn ich ein bisschen müde trainiert wäre, oder dass ich nervös sei wegen der Jagd nach Konapunkten. Vielleicht hatte ich nach dem schwachen Rennen in Puerto Rico auch zu grosse Selbstzweilfel entwickelt, die durch diesen körperlichen Zustand zusätzlich genährt wurden.
Rückblickend war klar, was die Ursache war: Nach dem Schock des Unfalls hat mein Körper auf andauernden Alarmzustand geschaltet. Eine natürliche und logische Reaktion, eine Schutzfunktion, um auf weitere Bedrohung optimal reagieren zu können.
Mein Training war in vielerlei Hinsicht anders als früher:
Auf dem Rad musste ich mich überwinden, wenn ich mich nach hinten umsehen wollte. Eine harmlose Einfahrt liess machmal meinen Puls schlagartig ansteigen. Im Schwimmbad kamen mir oft Bilder in den Kopf, dass ich nach einer Wende mit jemand Entgegenkommenden Kopf an Kopf zusammenstosse.
Im Training ging es ein paar Tage am Stück recht gut, dem dauerhaft erhöhten Adrenalin sei dank. Nach drei bis fünf Tagen gewann regelmässig die Müdigkeit die Oberhand gegen die Stresshormone. Dann fühlte ich mich meist einen Tag richtig krank und nach ein paar Tagen Erholung ging das Spiel von Neuem los.
Nach einem den Umständen entsprechend ordentlichen Rennen in Mussbach hat mich folgerichtig eine Sommergrippe ausgeknockt. Danach folgte dann eine normalerweise harmlose Schienbeinreizung, die aber ohne erholsamen Schlaf nicht richtig in den Griff zu bekommen war. Nach zwei Wochen Laufpause konnte ich wieder eine Woche beschwerdefrei trainieren, bis die Reizung erneut aufbrach. Das lief mehrmals nach diesem Schema ab und jetzt ist zu viel Zeit vergangen, um selbst für die späten Rennen in diesem Jahr noch in Form zu kommen.
Ich hatte das Gefühl, möglichst allen Stress von mir fernhaften zu müssen, um überhaupt wieder Herr der Lage werden zu können. ich habe mein Smartphone und meinen Computer nur noch zweimal in der Woche eingeschaltet und mich von den sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook ferngehalten. Zusätzlich habe ich auf Zucker und Kaffee verzichtet und extra 2-3 Kilo zugenommen, um mir ein „dickeres Fell“ zuzulegen.
Letztendlich heilt auch Zeit alle Wunden.
Mittlerweile schlafe ich nachts wieder normal und freue mich, morgens ausgeschlafen aufzustehen. Auch deswegen geht es jetzt mit dem Schienbein zügig voran und es fällt mir jeden Tag schwerer, still zu halten. Nun befinde ich mich in meiner Saisonpause und ab dem ersten Oktober werde ich wieder mit geregeltem Training anfangen.
Es war eine unfassbar schwierige Zeit, aber ich habe viel gelernt über mich, was Stress wirklich bedeutet, und wie wertvoll eine gute Regenerationsfähigkeit ist. Und ich habe sehr viel Glück gehabt, mit dem Leben und ohne dauerhafte Schäden davongekommen zu sein. Die Erfahrung lässt mich mein Leben und meine Gesundheit sehr viel mehr schätzen, und ich freue mich auf das kommende Training und am meisten natürlich auf viele, harte Rennen.

20140506_171941